Die Tragödie um das Weihnachtsbaum-Schiff Rouse Simmons
In dem heutigen Beitrag möchte ich die Geschichte des Segelschiffes Rouse Simmons erzählen. Sie hatte die Aufgabe, Weihnachten in die Familien und Häuser Chicagos zu bringen. Dabei ereilte sie eine Tragödie, die uns Seglern vor Augen führt, mit welchen Naturgewalten wir es auf dem Wasser zu tun haben. Die Rouse Simmons war ein Dreimast-Schoner von etwa 38 Metern Länge und 8,4 Metern Breite. Die Heimat des stattlichen Schiffes waren die Great Lakes im Norden der USA. Benannt wurde sie nach einem US-amerikanischen Unternehmer und Politiker aus Wisconsin.
Die Tradition, das Weihnachtsfest mit einem Weihnachtsbaum zu feiern, ist weltweit verbreitet. Der Ursprung dieser Tradition liegt aber wohl viel weiter zurück. Immergrüne Zweige und Kränze waren schon im alten Ägypten ein Symbol für das ewige Leben. Auch Chinesen und Hebräer kannten ähnliche Traditionen. In nordischen Religionen sollten Tannenzweige im Haus vor bösen Geistern schützen und weckten gleichzeitig die Hoffnung auf einen baldigen Frühling.
Im 18. Jahrhundert wurde der Brauch des Weihnachtsbaumes immer populärer, sowohl bei wohlhabenderen als auch bei ärmeren Bevölkerungsschichten. Auch in den USA, wohin er durch deutsche Einwanderer gelangte, war der Christbaum schnell eine geliebte Weihnachtstradition, die alt und jung, arm und reich, ein Lächeln auf das Gesicht zauberte. Für die Familien in Chicago stellten die Weihnachtsbaum-Schiffe der Gebrüder Schuenemann einen Teil dieser Tradition dar. Doch das Weihnachtsfest 1912, genau das Jahr, in dem in New York der erste öffentliche Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, sollte für die Familie Schuenemann ein trauriges werden.
Der Bau und die ersten Jahre

Die Rouse Simmons wurde 1868 von Allen, McClelland and Company, einem der bekanntesten Schiffbauunternehmen Milwaukee’s, gebaut. Ihren Stapellauf hatte sie am 15. August in Hafen von Milwaukee. Dort wurde sie am 27. August auch registriert und begann ihre Reise über die Seen im Norden der USA. Schnell wurde sie Teil der Flotte von Holz-Unternehmer und Philanthrop Charles H. Hackley aus Michigan. Hackley‘s Unternehmen war auf dem Gebiet aller fünf Seen unterwegs und so transportierte auch die Rouse Simmons von da an Baumstämme. Jede Woche wurden so mehrere tausend Stämme vom kanadischen Norden in den US-amerikanischen Süden verschifft.
Für etwa zwanzig Jahre befand sich das Schiff in Hackley’s Flotte und wechselte danach mehrmals den Besitzer. Dem Holztransport-Geschäft blieb sie allerdings treu. Sie war ein Arbeitstier, das sich von Wind und Wetter nicht von ihrem Auftrag abhalten ließ. Und doch kam sie nach und nach in die Jahre und das Alter machte sich, wie bei jedem Schiff, bemerkbar.
Das Weihnachtsbaum-Geschäft der Brüder Schuenemann
Im Jahr 1865, also drei Jahre vor dem Bau der Rouse Simmons, wurde in Algoma, Wisconsin, direkt am Lake Michigan, Herman Schuenemann geboren. Herman war eines von sechs Kindern. Zusammen mit seinem älteren Bruder August arbeitete er bald im Holztransport-Geschäft auf den Great Lakes. Schnell stieg der fleißige Herman zu einem anerkannten Kapitän auf. Neben dem Transport von Baumstämmen versuchte er sich noch an zahlreichen weiteren Geschäften. So besaß er unter anderem einen Saloon in Chicago. Das Geschäftsglück schien ihm aber nur beim Holz richtig gewogen zu sein. So transportierte das Unternehmen der Brüder Schuenemann bald regelmäßig Stämme per Schiff über die großen Seen in Richtung der aufstrebenden Städte im Süden. Herman ließ sich in Chicago nieder und heiratete am 9. April im Jahre 1891 die in Deutschland geborene Barbara Schindel.

Als August im Jahr 1898 starb, übernahm Herman das gesamte Geschäft. Seit dem frühen 20. Jahrhundert transportierte und verkaufte das Unternehmen in den Wintermonaten auch Weihnachtsbäume. Die Schiffe wurden dazu im November voll mit immergrünen Bäumen beladen, die Herman im tiefen Norden der Great Lakes kaufte. Diese transportierte er dann nach Chicago in der Hoffnung auf einen ordentlichen Gewinn. Dabei verkaufte er die Bäume nicht wie viele seiner Konkurrenten, über lokale Händler. Er verkaufte vom Schiff selbst, direkt am Kai im Hafen von Chicago an den Endkunden, die Familien. So vermied er die Gebühren der Mittelsmänner, was ihm selbst, aber auch seinen Kunden zugutekam. Herman hatte ein Herz für die ärmere Bevölkerung von Chicago und es heißt, dass er Bäume auch preiswerter oder sogar kostenlos an Bedürftige gab. Das brachte ihn in Chicago neben Respekt und Dankbarkeit auch den Spitznamen Kapitän Weihnachtsmann ein.
1911 kaufte Herman die Rouse Simmons. Das damals schon ordentlich in die Jahre gekommene Schiff sollte das Jahr über ebenfalls Holz, in der Vorweihnachtszeit aber Weihnachtsbäume transportieren. Doch schon ein Jahr nachdem sie in die Flotte der Schuenemanns eingetreten war, sollte sie ihre letzte Reise antreten.
Ein Sturm zieht auf
Der November 1912 verlief auf den Great Lakes bisher verhältnismäßig ruhig. Während des Jahres hatte es den ein oder anderen großen Sturm gegeben doch im November waren diese bisher ausgeblieben. Aber man merkte, dass sich etwas zusammenbraute.
So freigiebig Hermann Schuenemann gegenüber den Chicagoer Familien war, so unnachgiebig war er in seinem Geschäft. Schwierige Segelbedingungen, die Konkurrenten dazu brachten, ihre Fahrten abzusagen, waren für Herman eine Möglichkeit, bei verknapptem Angebot gute Gewinne zu machen. So auch im Jahr 1912. Unruhe machte sich in der Mannschaft der Rouse Simmons breit, als es galt, trotz sich verschlechternder Wetterbedingungen in Richtung Chicago zu segeln. Das Schiff war alt und mitgenommen und musste dringend neu abgedichtet werden. Das ließ die finanzielle Situation der Schuenemanns allerdings nicht zu.
Der Kapitän traf die Entscheidung, die Reise mit den Weihnachtsbäumen dennoch anzutreten, was sich als fataler Fehler erweisen sollte. So wurde das Schiff mit etwa 5500 Bäumen beladen, viel zu viel für seine Größe, noch dazu, da sich das Gewicht der Bäume während der Fahrt durch nasses und gefrierendes Wetten noch weiter erhöhen würde. Doch es lockte ein großer Profit und die Tradition des Weihnachtsbaumschiffes musste aufrechterhalten werden.
Der Untergang der Rouse Simmons

So fuhr die Rouse Simmons hinaus. Der Sturm, der sich angekündigt hatte, erwischte das Schiff am 23. November. Aufzeichnungen besagen, dass die Tragödie damit begann, dass zwei Seeleute an Deck geschickt wurden, um die Sicherung der Ladung zu überprüfen. Wind und eiskalter Regen erschwerten den Weg auf Deck, der schon heftige Seegang tat sein Übriges. Eine besonders hohe Welle spülte über die tiefliegende Rouse Simmons und fegte neben zahlreichen Bäumen auch die beiden Seeleute von Deck. Kapitän Herman Schuenemann steuerte Richtung Bailey’s Harbor, um das Schiff in der davor liegenden Bucht in Sicherheit zu bringen. Doch es war zu spät. Der Sturm nahm immer mehr zu.
Um 14:50 Uhr entdeckte die Rettungsstation Kewaunsee die Rouse Simmons. Sie hatte Seenotsignale gesetzt. Die Segel des Schiffes waren zerfetzt und es lag schon tief im Wasser. Sofort wurde eine Rettungsaktion eingeleitet. Das Rettungsboot „Tuscarora“ erreichte den Punkt, an dem die Rouse Simmons zuletzt gesichtet wurde, doch diese war schon nicht mehr zu sehen. Herman Schuenemann und die 16-köpfige Besatzung der Rouse Simmons verloren an diesem Tag ihr Leben. Auch andere Schiffe teilten in dem Sturm deren Schicksal.
In den Tagen nach der Katastrophe wurden an den Ufern des Lake Michigan immer wieder Wrackteile und Weihnachtsbäume angespült. Das Schiff selbst fand man allerdings erst im Jahre 1971. Es liegt in 52 Metern Tiefe an Position 44°16′30.6″ N 87°24′56.4″ W.
Die Tradition lebt weiter
Barbara Schuenemann, die Witwe von Herman, übernahm das Geschäft ihres Mannes zusammen mit ihren drei Töchtern. Auch sie transportierte und verkaufte Weihnachtsbäume, hatte aber auch immer ein gutes Herz für Familien, die sich keinen Baum leisten konnten. Schnell war sie in Chicago als „Mutter Schuenemann“ und die „Christmas Tree Queen“ bekannt.
Bald verlagerte sich das Holztransport-Geschäft auf die Eisenbahnen und das Geschäft der Segelboote, die tausende von Stämmen auf den Great Lakes transportierten, starb aus. Was bleibt, ist die Tradition der Weihnachtsbäume und der Nächstenliebe zu Weihnachten, an der die Familie Schuenemann ihren Anteil hatte und damit in Erinnerung bleiben wird.
Ich möchte diesen kleinen Beitrag der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger widmen. Die DGzRS wurde 1865 gegründet und setzt sich seitdem für die Leben in Seenot geratener Menschen ein. Um das tun zu können, benötigen die Helfer Unterstützung in Form von Spenden und ehrenamtlichen Unterstützern. Falls du vorhast, zu Weihnachten eine kleine Spende zu geben, findest du die Internetseite der DGzRS unten in den Links.
Ahoi und bis bald.
Links
Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – DGzRS (https://www.seenotretter.de/)
