Vorwind, am Wind und Raumschot? Was ist das? – Kurse zum Wind erklärt
In diesem Beitrag möchte ich zu den Segel-Basics zurückkehren. Eines der ersten Dinge, die einem Neuling im Segelsport beigebracht werden, ist, dass man nicht gegen den Wind segeln kann. Aber wie kann man segeln? Wie heißen diese Kurse zum Wind? Von welchem Wind sprechen wir da eigentlich? All dies will ich in diesem kleinen Blogbeitrag zusammenfassen.
Windrichtung

Bevor wir uns mit den Kursen, die man zum Wind segeln kann, auseinandersetzen müssen wir erst einmal wissen, welcher Wind eigentlich gemeint ist. Der Wind kommt üblicherweise aus einer Richtung. Spricht man vom Wind, nennt man immer die Richtung, aus der diese kommt. Nordwind kommt aus Norden und weht nach Süden, Ostwind kommt aus Osten und weht nach Westen. Will man etwas genauer sein verwendet man Abstufungen wie Nordostwind (NO) oder Wind aus Süd-Süd-West (SSW).
Wahrer Wind vs. scheinbarer Wind
Beim Segeln richten wir uns aber nicht nach dem tatsächlichen, dem „wahren Wind“. Steht man auf einem Segelboot, schaut nach oben auf den Verklicker (Windanzeiger auf dem Mast) und richtet danach seinen Kurs aus, arbeitet man mit etwas, das „scheinbarer Wind“ heißt. Der scheinbare Wind setzt sich aus dem wahren Windes und dem Fahrtwindes zusammen.

Der Fahrtwind ist dabei der Wind, der durch die Bewegung des Bootes selbst hervorgerufen wird. Er steht dieser Bewegung genau entgegengesetzt. Fährt das Segelboot nach Westen, kommt der Fahrtwind aus Westen in Richtung Osten. Der Fahrtwind ist genauso schnell wie das Boot selbst. Fährt es also mit drei Knoten, beträgt der Fahrtwind ebenfalls drei Knoten, allerdings aus der Gegenrichtung, also um 180 Grad gedreht.
Hat man einen richtigen Windmesser auf dem Mast, der die Windgeschwindigkeit anzeigt, handelt es sich dabei ebenfalls nicht um die Geschwindigkeit des wahren Windes, sondern des scheinbaren Windes. Um den scheinbaren Wind darzustellen und dessen Kraft und Richtung zu ermitteln, stellt man ein sogenanntes Wind-Dreieck auf. Dabei zeichnet man, ausgehend vom Mittelpunkt, dem Segelboot, einen Pfeil in die Richtung und mit der Länge, mit der der wahre Wind weht. Richtung und Länge machen diesem Pfeil zu einem Vektor. Die Pfeilspitze zeigt vom Boot weg. Dann zeichnet man einen zweiten Pfeil, den Fahrtwind, entlang der Fahrtrichtung des Bootes aber zum Boot hin. Die Pfeilspitze zeigt auf das Segelboot. Die Länge des zweiten Pfeiles entspricht der Geschwindigkeit des Bootes.


Verbindet man die beiden „offenen“ Enden der Pfeile, hat man den scheinbaren Wind. Wohin die Spitze dieses Pfeiles zeigt, hängt davon ab, ob der wahre Wind oder der Fahrtwind (also die Fahrtgeschwindigkeit) größer ist. Beim Segeln ist der wahre Wind meist größer als der Fahrtwind. Die Spitze des scheinbaren Windes zeigt also in Richtung der Spitze des wahren Windes. Unter Motor kann dies aber vorkommen, wenn sich das Boot schneller bewegt, als der Wind weht. Die Segeltrimmung, die Segelstellung und der Kurs zum Wind, der gesegelt wird, richtet sich also immer nach dem scheinbaren Wind, nicht nach dem wahren Wind.
Kurse zum Wind
Mit einem Segelboot kann man ja fast überall hinsegeln. Vom Kurs zum Wind hängt aber ab, wie die Segel am besten gestellt werden. Dargestellt werden die verschiedenen Kurse häufig als Kreis oder Halbkreis mit aus Norden kommendem Wind. In dem Bild sieht man, dass die Bezeichnungen der Kurse auf der Steuer- und Backbordseite gleich sind. Sie reichen von „im Wind“ bis „vor dem Wind“.

In den folgenden Abschnitten werden die hauptsächlich verwendeten Kurse und Kursbezeichnungen, deren Besonderheiten und die richtige Segelstellung gezeigt. Je nachdem, wen man fragt, gibt es dazwischen noch kleinere Unterteilungen. Beispielsweise gibt es in der Spanne des „Am Wind“-Kurs ein „hart am Wind“-Kurs. Ich werde versuchen, diese Unterteilungen ebenfalls zu erklären. Außerdem ist es für Segler wichtig, die englischen Begriffe für die Kurse zu kennen. Daher versuche ich, diese genauso zu erwähnen wie unterschiedliche Begriffe für den gleichen Kurs. Falls ich dabei etwas vergesse oder nicht kenne, bist du gerne eingeladen, dies unter dem Beitrag in einem Kommentar zu ergänzen.
„Im Wind“-Kurs

Der „Im-Wind“-Kurs ist eigentlich kein richtiger Kurs, da er im Normalfall nicht gesegelt werden kann. Versucht man, Kurs gegen den Wind zu legen, flattern die Segel schlaff im Wind und es entsteht kein Vortrieb. So bleibt das Boot auf der Stelle stehen oder wird vom Wind sogar rückwärts gedrückt. Aus diesem Grund heißt der Kurs im Englischen neben „into the wind“ auch „in irons“, also in Ketten.

Möchte man dennoch ein Ziel erreichen, dessen direkter Kurs im Wind liegt, muss man kreuzen. Man geht abwechselnd auf einen „Am Wind“-Kurs (nächster Abschnitt) an Steuerbord und an Backbord. So bildet sich über die Zeit eine Zickzack-Kurslinie, die irgendwann an dem Ort ankommt, der im Wind liegt. Kreuzen dauert dadurch natürlich viel länger und ist anstrengender, als direkt auf ein Ziel zufahren zu können.
Der „Im Wind“-Bereich erstreckt sich von 0 Grad gegen den Wind bis mindestens 30 Grad zu beiden Seiten. Wie weit er aber tatsächlich geht, hängt stark vom Segelboot sowie der Segelform und -trimmung ab. Es gibt Boote, die bis auf 30 Grad gegen den Wind segeln können, andere schaffen teilweise nur viel größere Gradzahlen. Mehr dazu findest du im nächsten Abschnitt.
„Am Wind“-Kurs

Der „Am-Wind“-Kurs oder im Englischen „Close Haul“ genannt, ist das Segeln schräg gegen den Wind. Bei den Gradzahlen gehen die Grenzen ineinander über, für die meisten Segelboote ist ein 45 Grad Winkel zum Wind schon ein guter „Am-Wind“-Kurs.
Der Vortrieb des Segelbootes wird dabei ausschließlich durch die Strömung des Windes am Segel erzeugt. Um hier möglichst hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, sollten die Segel sehr dicht genommen werden, also eng und flach anliegen.
Eine Besonderheit ist der „Hart am Wind“-Kurs. Das ist der Kurs mit der geringsten Gradzahl gegen den Wind, die gerade noch segelbar ist. Einige Segelboote erreichen einen „Hart am Wind“-Kurs von bis zu 30 Grad. Da kommt es aber auf eine optimale Trimmung an. Andere Segler, beispielsweise mit Rah-Segeln, schaffen nur viel größere Gradzahlen. Es kann also sein, dass ein Rah-Segler nur bis auf 80 Grad an den Wind herankommt. Das liegt daran, dass deren Segelform dazu ausgelegt ist, möglichst viel Winddruck aufzunehmen. Sie eignen sich eher für Kurse vor dem Wind, die weiter unten erklärt werden.
„Halbwind“-Kurs

„Halben Wind“ hat man immer dann, wenn man 90 Grad zum Wind segelt. Der Wind trifft dabei seitlich, entweder an Steuerbord oder an Backbord auf das Segelboot. Englischsprachige Segler nennen dies „beam reach“. Im Vergleich zum „Am Wind“-Segeln ist dabei die Krängung des Bootes nicht ganz so stark. Der Druck in den Segeln verringert sich.
Auf einem „Halbwind“-Kurs befinden sich die Segel üblicherweise in einer halb geöffneten Stellung. Das begünstigt beide Vortriebskräfte, die bei Halbwind auf das Boot wirken. Die Strömung am Segel, welche auf dem „Am Wind“-Kurs die Arbeit gemacht hat, greift auch hier und „zieht“ das Boot voran. Sie ist allerdings nicht mehr so groß. Zusätzlich kommt durch die offenere Segelstellung aber der Winddruck selbst zum Einsatz. Der Wind fährt dabei in die Segelfläche und „drückt“ das Boot voran. Auf „Halbwind“-Kurs werden also Strömungseffekt und Winddruck kombiniert und sorgen für die Geschwindigkeit, mit der sich der Segler bewegen kann.
„Raumschot“-Kurs

Wenn es mit „Am Wind“ einen Kurs schräg entgegen den Wind gibt, muss es doch auch einen Kurs schräg vor dem Wind („weg vom Wind“) geben. Das ist der „Raumschot“-Kurs.
„Raumer Wind“ bedeutet, dass der scheinbare Wind von hinten in die Segel greift. Er drückt die Segel voran und erzeugt dadurch den Vortrieb. Die Strömungskraft um die Segel spielt hier keine Rolle mehr. Entsprechend sollten die Segel bei diesem Kurs weit offen sein, um dem Wind von achtern möglichst viel Angriffsfläche zu geben, an der er das Boot schieben kann. Die Segel sollten bauchig getrimmt sein. Bei diesem Kurs kann man darüber nachdenken, die Segelfläche zusätzlich zu erhöhen. Beispielsweise kann das normale Vorsegel durch ein Gennaker-Segel ersetzt werden.

Kurse vor dem Wind werden von Seglern häufig als ruhiger wahrgenommen, da man mit den Wellen segelt. Man „reitet“ also in natürlicheren Bewegungen auf der Welle statt gegen sie anzustoßen, wie es beim „Am Wind“-Kurs der Fall ist.
Im Englischen heißt dieser Kurs „broad reach“. Seemännisch wird auch von achterlichem Wind, raumen Wind oder Wind „querab“ gesprochen. Er reicht von 90 Grad (Halbwind) bis zu ungefähr 135 Grad vor dem Wind. Die verschwimmen die Grenzen der Gradzahlen aber.
„Vorwind“-Kurs
Der letzte Kurs ist der „Vorwind“-Kurs bei dem sich das Segelboot, wie der Name schon sagt, vor dem Wind befindet. Auf Englisch wird von „Running“ gesprochen, also wie vor dem Wind wegrennen. Auch der Begriff „downwind“ wird verwendet. Da der Wind von hinten einfällt, sind hiermit Segelkurse von etwa 135 bis 180 Grad zum Wind gemeint. Schaut man sich das oben erwähnte Wind-Dreieck an, liegen bei einem 180 Grad Kurs der wahre Wind und der scheinbare Wind genau auf einer Linie. Der Fahrtwind steht dieser Linie entgegen und sorgt dafür , dass der scheinbare Wind genau um die Stärke des Fahrtwindes geringer ist. Bezügliche der Geschwindigkeiten gilt bei diesem Kurs:
Scheinbarer Wind = wahrer Wind – Fahrtwind
„Normale“ Segelstellung auf Vorwind-Kurs

Bei den Segelstellungen gibt es auf einem „Vorwind“-Kurs zwei Alternativen. Die erste ist, beide Segel auf der gleichen Seite voll zu öffnen. Damit bietet man dem Wind die volle Segelfläche, um das Boot voranzubringen. Bei dieser Segelstellung gibt es aber ein Problem. Das Vorsegel kann häufig nicht die volle Kraft entfalten, da es vom offenen Großsegel verdeckt wird. Der Wind fällt von hinten in das Großsegel ein und kommt nicht mehr bei dem Vorsegel an. Die Windkraft wird nicht in beiden Segeln voll ausgenutzt. Daher wird empfohlen, bei dieser Segelstellung „vor dem Wind zu kreuzen“. Das bedeutet, man fährt nicht genau vor dem Wind, sondern etwas schräg und wechselt regelmäßig zwischen einem Backbord- und einem Steuerbord-Kurs. So erreicht der Wind auch das Vorsegel. Die Kurslinie bildet eine Zickzack-Bewegung, es ist also nicht der direkte und damit kürzeste Weg zu einem Ziel in Richtung „vor Wind“. Will man beide Segel auf einem Vorwindkurs maximal ausnutzen, kann man die zweite Alternative, dass Schmetterlingssegeln, verwenden.
Schmetterling auf Vorwind-Kurs

Beim Schmetterlingssegeln (engl. Butterfly) sorgt man dafür, dass das Großsegel auf der einen Seite des Segelboots voll geöffnet ist, das Vorsegel auf der anderen Seite. Dazu baumt man das Vorsegel üblicherweise aus, um eine offene Segelstellung sicherzustellen. In dieser Stellung kann der Wind von hinten in beide Segel einfahren. Aber Vorsicht: Um Schmetterling zu segeln, muss man sich davor schützen, dass die Segel bei Veränderungen der Windrichtung plötzlich Umschlagen. Um das zu vermeiden, baumt man das Vorsegel aus und setzt am Großsegel gleichzeitig einen Bullenstander. Ein Bullenstander ist eine Sicherheitsleine, die vor dem unkontrollierten Umschlagen des Baumes schützt und damit eine Patenthalse verhindern soll.
Tipp Nr. 1
Sichere dich beim Segeln vor dem Wind immer ab! Durch sich plötzlich ändernde Windrichtungen besteht die Gefahr einer Patenthalse.

Um den Wind bei „Vorwind“-Kurs noch mehr Angriffsfläche zu bieten und so noch schneller zu segeln, kann die Segelfläche auch vergrößert werden. Wie beim „Raumschot“-Kurs ersetzt man dafür das „kleine“ Vorsegel durch ein größeres, beispielsweise ein Spinnaker-Segel. Das sollte man allerdings schon geübt haben, bevor man es bei hohen Windstärken probiert. Der Umgang mit einem Spinnaker ist nicht ganz einfach.
Kurse zum Wind – Faszination und Wissenschaft für sich
Auch wenn man die Kurse zum Wind gut kennt und einem diese in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist das Segeln auf unterschiedlichen Kursen doch immer wieder interessant. Das Tüfteln an der perfekten Segelstellung zum einfallenden Wind stellt für viele Hobbysegler eine Wissenschaft dar, der sie seinen großen Teil des Segeltrips widmen. Da werden die Segel hier noch ein bisschen gefiert, das Vorsegel wird noch etwas bauchiger getrimmt und die Windfäden am Vorsegel behält man die ganze Zeit im Auge.
Der beste Weg, um das Segeln auf verschiedenen Kursen zum Wind zu lernen, ist es, zu üben. Nur so bekommt man mit, wie sich das Boot in welchem Wind verhält, wie es auf unterschiedliche Segelstellungen reagiert und was man bei wechselnden Winden tun sollte. Mein Tipp ist, es dabei langsam angehen zu lassen. Suche dir einen Tag mit leichtem Wind oder einer leichten Brise, fahr mit deinem Segelboot aufs Wasser und übe verschiedene Kurse zu segeln. Dann bekommst du bald ein Gefühl dafür, was es heißt am Wind, Halbwind, Raumschot oder vor dem Wind zu segeln.
Beim Schreiben dieses Beitrages sind mir zwei weitere Themen eingefallen, denen ich in Zukunft einen eigenen Beitrag widmen möchte. Zum einen will ich näher auf die Frage eingehen, warum ein Segelboot überhaupt segelt. Dabei wird es auf eine etwas wissenschaftlichere, aber hoffentlich verständliche Weise um die Kräfte gehen, die auf die Segel wirken. Den zweiten Beitrag will ich den Sicherheitsmaßnahmen gegen eine Patenthalse widmen. Wie baumt man das Vorsegel richtig aus und sichert es? Wie setzt man einen Bullenstander? Das muss ebenfalls erklärt werden.
Fallen dir noch weitere interessante Themen für zukünftige Beiträge auf diesem Blog ein? Wenn ja, schreibe sie gerne in die Kommentare unter diesem Beitrag.
Ahoi und bis bald.
